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Info-Chaos um das Orchester der Vereinigten Bühnen Wien

Das Orchester der VBW war schön des Öfteren aus diversen Gründen ein Streitpunkt. Doch zumindest Fakten sollten doch von einem hoch subventionierten Unternehmen ohne Schönfärberei bereitgestellt werden. Etwa die Anzahl der Beschäftigten.
Was die Fakten betrifft: Das Orchester der VBW hatte in der Saison 2023/24 59 Beschäftigte. Das kann man in der jüngst veröffentlichten Theaterstatistik nachlesen:
Link zum PDF
Wie kommt der Deutsche Bühnenverein zu den Daten. Ich habe nachgefragt und als Auskunft erhalten: »Die Daten für die Wiener Bühnen erhalten wir vom Wiener Bühnenverein. Dieses Jahr hat Frau Mag. Ruth Pfetschinger, Generalsekretärin des Wiener Bühnenvereins, uns die aktuellen Zahlen übermittelt.«

Was die Selbstdarstellung der VBW betrifft: Das Unternehmen gibt aktuell die Zahl 80 an. Das sind immer lustige Diskussionen, die man da führen kann, wann man einen niedrigen Blutdruck hat. Denn so im lockeren Gespräch kann man mitunter Aussagen hören wie: »Na eigentlich sans 120.« Nur, das wäre dann keine Diskussion mehr um die tatsächlich Beschäftigten. Dass man sich Leihmusiker aus Ungarn oder woher auch immer holen kann, ändert an den Fakten nichts.

Link zum Orchester der VBW

PS: Der Präsident des Wiener Bühnenvereins ist Franz Patay.

»Pretty Woman« im MuseumsQuartier: »Captain Save-a-Ho« in Action

Ein Einbruch des 20. Jahrhunderts in gegenwärtige Zeiten wird derzeit im MuseumsQuartier mit dem Musical »Pretty Woman« gefeiert. Wobei dieser Retro-Trend prinzipiell ja an vielen Theatern zelebriert wird, demnächst auch wieder mal bei den VBW. In der gemeinten Superhero-Show wird das »Captain-Save-a-Ho«-Narrativ noch mal richtig schön aufgewärmt, die romantisierte Story einer Straßenprostituierten erzählt, Sexarbeit abgewertet. Vielleicht eine Art Support Act für das drohende »Moulin Rouge« irgendwann irgendwo in Wien. Wie auch immer, Kuschelrock ist in, und marketingmäßig ist der Hauptdarsteller wirklich klasse vorbereitet worden. Auf die eh schon harmlose Frage »Wer rettet wen?« antwortet er (siehe »Lehrbuch für angewandtes Whitewashing«, Seite 66): »Das Besondere an der Geschichte ist: Sie rettet ihn. Er ist Cinderella.«

VBW: Die Nachtportiere sollen’s richten

Postings zum 1. April über die VBW sind heikel, daher wird’s auch diesmal keines geben. Egal, was für einen Stuss man postet, die Wirklichkeit übertrifft die Fiktion. »›Schönbrunn-Version‹ von ›Elisabeth‹« als Inbegriff der Shrinkflation im Musicalbereich, die Marketingkampagne von »Maria Theresia«, bei der man als Schutzschild den Sanctus von Sachbuchautorinnen vor sich her getragen hat, um Plots knapp am Rand des Belegbaren zu konstruieren. Darsteller von »Maria Theresia« singen am Balkon eines Casinos, als wäre ausgerechnet Glücksspiel das, was man promoten sollte.
Jetzt hat der Geschäftsführer der VBW, Franz Patay, dem »Kurier« ein Interview gegeben, das wieder fast nicht zu toppen ist. Auf die Frage, wie er die Einsparung von fünf Millionen an Subventionen verarbeiten will, fällt ihm – und da ist es völlig egal, was er sonst noch gesagt hat – die Berufsgruppe der Nachtportiere ein. Klassisches »cherry picking« der übelsten Art. Eine prekäre Berufsgruppe, niedriges Gehalt. Hier hätte man sofort nachhaken müssen. Es fehlt nur noch die Aussage: Na bitte, stellen Sie sich das vor. Jetzt müss ma uns das Taxi nach der Weihnachtsfeier um 3 in der Früh selbst rufen.

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»Kurier«-Interview

»Titaníque« am Broadway 2026

Derzeit laufen die Previews des Jukebox-Musicals »Titaníque« im St. James Theatre am Broadway. Die Uraufführung der Show fand am 14. Dezember 2017 im Sorting Room Theatre in Los Angeles statt. Von 2022 bis 2025 war »Titaníque« 1211 Mal am Off-Broadway zu sehen. Weitere Produktionen gab es in Kanada, Australien, in London, Chicago und Paris.
Das »Broadway Journal« hat sich ein wenig die Finanzen der Show angesehen und herausgefunden, dass die Produktion am Off-Broadway in den ersten eineinhalb Jahren erfolgreich war und fast 60 Prozent der Investitionen einspielen konnte. 2024 war das jedoch vorbei. In 51 von 52 Wochen dieses Jahres machte die Show Verluste, insgesamt 2,3 Millionen Dollar.
Um am Broadway in der Gewinnzone zu landen, muss »Titaníque« mehr als 993.000 Dollar pro Woche einspielen. Das St. James Theatre hat 1345 Plätze. Mit Jim Parsons (»Big Bang Theory«) hat man sich immerhin einen Star an Bord geholt, der in »Titaníque« seine erste Rolle in einem Musical am Broadway spielt. Es hätte auch sein zweites Broadway-Musical sein können, aber bei einem geplanten Broadway-Transfer der Off-Broadway-Produktion (2022) von »Man of No Importance« (Lynn Ahrens, Stephen Flaherty, Terrence McNally; Regie: John Doyle) ist er vorzeitig ausgestiegen – die Show wurde daraufhin gecancelt. Berichten zufolge soll Parsons’ Engagement an finanziellen Vorstellungen gescheitert sein, und zwar knapp bevor die Tickets in den Verkauf hätten gehen sollen. Das Circle in the Square Theatre war fix gebucht und stand daraufhin neun Monate leer. Auch eine geplante Cast CD wurde nicht verwirklicht.

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Broadway Journal

VBW schaffen »Nachtportiere« ab

Man könnte den Eindruck bekommen, dass der Chef der VBW geradezu »Audienzen« gibt. Nach wie vor werden Informationen zu relevanten Daten des Unternehmens verweigert, wie der »Kurier« berichtet:

Geschäftsführer Franz Patay verweigerte lang Auskünfte (etwa über die erfolgte Anmeldung von Kündigungen beim AMS-Frühwarnsystem). Doch am Donnerstag nahm er in einer Pressekonferenz Stellung: Bei den »Sachkosten« hätten zwei Millionen Euro eingespart werden können – indem z. B. das Fremdpersonal reduziert worden sei, u. a. gibt es keine Nachtportiere mehr. Um zwei weitere Millionen wurden die Personalkosten gesenkt: 20 Angestellte haben den Konzern verlassen, auf Nachbesetzungen wird zum Teil verzichtet. Der «aktive Personalabbau« sei damit beendet.
Weitere drei Millionen Euro erspart man sich pro Jahr dadurch, dass man ab dem Sommer die Kammeroper nicht mehr bespielt. Patay spricht von einer »Pausierung«, ohne zu sagen, wann diese enden werde. Er verweigert auch Auskünfte darüber, welche Beträge dem Musical (im Ronacher und Raimund Theater) beziehungsweise der Oper (im MusikTheater an der Wien) zur Verfügung stehen.

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Kurier

Broadway’s long-running plays – Top 10 (Stand 2026)

1 Life With Father (3.224) Premiere 1939; Derniere 1947
2 Tobacco Road (3.182) 1933–1941
3 Harry Potter and the Cursed Child (2.487+) Premiere: 2018
4 Abie’s Irish Rose (2.327) 1922–1927
5 Gemini (1.819) 1977–1981
6 Deathtrap (1.793) 1978–1982
7 Harvey (1.775) 1944–1949
8 Born Yesterday (1.642) 1946–1949
9 Mary, Mary (1.572) 1961–1964
10 The Voice of the Turtle (1.557) 1943–1948

Ticketpreisvergleich West End – Broadway

Die »New York Times« hat sich die Ticketpreise (teuerste Kategorie) für Shows am Broadway und am West End angesehen. Interessanter Vergleich:
2025 zahlte man durchschnittlich 81 Dollar am West End, 129 Dollar am Broadway. Bei einzelnen Shows fällt der Vergleich besonders krass aus:
* »Six« (21.03.26) – London: 113 | New York: 290
* »Paddington«/»Just in Time« (13.03.26) – London: 330 | New York: 975
* »Hamilton« (03.07.26/23.11.25) – London: 365 | New York: 1500
* »Stranger Things« (21.03.26) – London: 367 | New York: 320
* »Wicked« (Mittwochs) – London: ~3x günstiger als in New York
* »The Lion King« (Mittwochs) – London: 98 | New York: 142
* »Hadestown« (Mittwochs) – London: 187 | New York: 277
* »Oh, Mary!« (letzte Woche) – London: 220 | New York: 375
Ein Blick auf die höchsten Ticketpreise am Broadway in letzter Zeit:
»Romeo + Juliet« (Kit Connor, Rachel Zegler): $ 1478.50 (letzte Vorstellungen)
»Othello« (Denzel Washington, Jake Gyllenhaal): $ 897
»Operation Mincemeat« $ 975 (letzte Vorstellungen)
»Just in Time«: $ 1499 (aktuell; letzte Vorstellungen von Jonathan Groff)
Ein Ausreißer ist »Moulin Rouge«, die Traumshow für alle Musicaldarsteller, die immer schon mal Popstars sein wollten oder fast gewesen wären und nun die verwaschenen Versionen von ehemaligen Chartsbangern belten dürfen (bis die Stimme bricht). Und für Sexualstraftäter, die in der Show genau das spielen, wofür sie verurteilt wurden (Boy George). Musicalinfluencer Sweaty Oracle beschreibt die Show aus einem anderen Blickwinkel: »The moral of ›Moulin Rouge‹ being ›don’t be a whore or you’ll get whore disease and die‹ really points to the fact that two straight men wrote it«. Nun, bei dieser Show, die hoffentlich nicht im Theater im Prater laufen wird, liegen die Preise am West End und am Broadway gleichauf. Das Vehikel ist vermutlich abgespielt, auch wenn man mit Castingtricks noch ein paar Dollar rausholen möchte.

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New York Times

VBW & Christoph Buskies: Keycomp oder der langsame Tod des Musicalorchesters

Mit dem Engagement von Christoph Buskies, dem Erfinder von Keycomp, für »Die Schöne und das Biest« liegen die VBW sozusagen voll im Trend. »Financial Review«, 27. März:
Tickets to »The Lion King« in Sydney next month will be about 35 per cent more expensive than during its last run, but the band under the stage will be 35 per cent smaller […]
The story of Simba and friends was soundtracked by 17 musicians the last time Disney Theatrical Group brought its biggest-grossing musical to Sydney’s Capitol Theatre in 2013. Next month, there will be just 11, with two trombonists and four string players missing from the line-up.
Their parts will instead be played by a single keyboardist, using software Disney licensed last decade called Keycomp. It’s essentially a backing track, but one that can be finessed by the musician to keep time with the action on stage and with the rest of the orchestra.
»Keycomp has been around for 15 or so years, but it’s sophisticated enough now where I think producers are going to start using it more and more,« said James Steendam, a violinist who is national president of musicians at media union, MEAA.

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Financial Review

Adam Gwon: »All the World’s a Stage« (2026)

Ein kleiner Ort in einer ländlichen, konservativen Gemeinde in Pennsylvania 1996. Ricky Alleman, ein Mathematiklehrer an der lokalen Highschool, hat ein Faible fürs Theater. Sam, eine seiner Schülerinnen, ist ein Theater-Nerd und mit den restriktiven Gegebenheiten an der Schule nicht zufrieden. Jüngst wurden wieder Bücher aus der Bibliothek entfernt, wegen ihrer »spaltenden Wirkung auf die Community«. Vor allem gibt es keine Möglichkeiten, was ihre Theaterleidenschaft betrifft. Als Sam ihren Mathelehrer bei einer Theateraufführung in einer benachbarten Schule sieht, vermutet sie einen Verbündeten in ihm und bittet ihn, ihr beim Erarbeiten eines Monologs zu helfen. Sie möchte bei einem bundesweiten Bewerb antreten, um ein Stipendium für eine Schauspielausbildung zu bekommen. Rick schlägt ihr Shakespeares »Sonnet 116« (»Let me not to the marriage of true minds«) vor.
So weit eine Fassung des Plots von »All the World’s a Stage«, des neuen Musicals von Adam Gwon, wie sie an Theatern eingesetzt werden kann, die aus ihrer Sicht taktisch klug möglichst viel Publikum ansprechen wollen. Ein paar kleine Details werden ja manchmal gern aus Marketinggründen verschwiegen. Rick, der Lehrer, ist schwul. Sam, die Schülerin, hält nichts von der Idee, Shakespeare zu rezitieren. Sie möchte den »Ozone«-Monolog aus Tony Kushners »Angels in America« bringen. Rick, für den Kushner ein zweiter Shakespeare ist, kann da nicht lange dagegenhalten. Beide haben nicht mit dem Ausmaß an Gegenreaktionen unter anderem des Elternverbands der Schule und der lokalen Kirche gerechnet, als Sam bei einer Schulaufführung tatsächlich Kushner vorträgt. Der Kushner-Monolog wird sogar in der lokalen Zeitung abgedruckt. Es wird bekannt, dass Michael, ein Buchladeninhaber, Sams Freund ist. Aufgrund von Repressalien muss dieser seinen Laden schließen. Von Rick wird die Kündigung erwartet, Sam wird von der lokalen Megachurch ein Job angeboten.
Groomer panic beziehungsweise ein schwuler Lehrer als Protagonist, das war der Ausgangspunkt für Gwon. An der Aktualität hat sich seit 1996 nichts geändert. Tony Kushners »Ozone«-Monolog spielt nicht zum ersten Mal eine Rolle in einem Stück. So gibt es in dem mit insgesamt 34 Preisen ausgezeichneten Film »Still Alice« (2014) eine zentrale Performance: Lydia (Kristen Stewart) liest ihrer Mutter Alice, gespielt von Julianne Moore, eine kryptische Textpassage (den »Ozone«-Monolog) vor und stellt ihr dann eine Frage:
Lydia Howland: [reading to her mother, but mostly from memory] »Night flight to San Francisco chase the moon across America. God, it’s been years since I was on a plane. When we hit 35,000 feet, we’ll have reached the tropopause, the great elt of calm air. As close to the ozone as I’ll get, I - I dreamed we were there. The plane leapt the tropopause, the safe air, and attained the outer rim, the ozone, which was ragged and torn, patches of it threadbare as old cheesecloth, and that was… frightening.«
Lydia Howland: »But I saw something only I could see because of my astonishing ability to see such things. Souls were rising, from the earth far below, souls of the dead, of people who’s perished from famine, from war, from the plague… And they floated up, like skydivers in reverse, limbs all akimbo, wheeling, spinning. And the souls of these departed joined hands, clasped ankles and formed a web, a great net of souls. And the souls were three-atom oxygen molecules of the stuff of ozone and the outer rim absorbed them, and was repaired. Because nothing is lost forever. In this world, there a kind of painful progress. A longing for what we’ve left behind, and dreaming ahead. At least I think that’s so.«
Lydia Howland: [moving over alongside her mother] Hey. Did you like that. What I jest read, did you like it?
Dr. Alice Howland: [barely grunting]
Lydia Howland: And what… What was it about?
Dr. Alice Howland: Love. Yeah, love.
Lydia Howland: Yeah, it was about love.
Adam Gwon hat mit »All the World’s a Stage« ein Kammermusical für vier Schauspieler:innen geschrieben, das früher vielleicht eine Chance auf eine Wien-Premiere gehabt hätte. Das Vienna Theatre Project hat Gwons Show »Ordinary Days« 2012 als Österreichische Erstaufführung gebracht. Man erinnert sich. 2012, das war die Zeit, als sich einerseits ein Schatten über die Wiener Musicallandschaft gelegt hat, der bis heute wirkt, andererseits hat sich aber mit Musicalprojekten wie jenen des Vienna Theatre Project, aber auch jenen von Vienna’s English Theatre, des Theaters in der Josefstadt und natürlich mit den Produktionen des Landestheaters Linz die Musicaldepression im Rahmen gehalten.
Die Cast-CD zu »All the World’s a Stage« ist dieser Tage digital erschienen. Gratis zu hören und sehr empfehlenswert.

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Cast CD auf diversen Streamingplattformen

VBW: Verdrängen, vergessen, löschen

Wer über vergangene Musical-Produktionen (vor 2018) der VBW Details erfahren wollte, wurde im Archiv auf der Website des Unternehmens fündig. Bis vor gar nicht allzu langer Zeit. Das ist nun nicht mehr möglich. Man kann sich zwar mittels der Waybackmachine die Infos zum Teil holen, freilich ist das eine recht mühsame Angelegenheit. Diese Löschaktion ist bedauernswert, denn einen BroadwayWorld Austria Award für das weltbeste Musicalarchiv in Ostösterreich wird’s so nicht geben. Oder sagen wir: nicht so leicht. Man braucht Fantasie.
Für einige jüngere Produktionen bietet die Website VBW International Infos. Interessant dabei: Alle Beteiligten werden angegeben, nur eine Gruppe nicht: die Darsteller:innen. Denen ist es aber eh vielleicht lieber, wenn sie mit Shows wie »Schikaneder« oder »Don Camillo und Peppone« nicht mehr in Verbindung gebracht werden.
Für die Selbstdarstellung eines Unternehmens wäre ein Archiv nicht schlecht. Vielleicht etwas für die nächste Intendanz. Oder es kommt sogar früher zu einem Relaunch.
PS:
Ein Beispiel für die Angaben auf VBW International.
https://www.vbw-international.at/home/schikaneder

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